UNTERWEGS in Nagaland und Arunachal Pradesh

Wir hatten schon lange in unserer Bucket List die Kopfjäger der Nagas zu stehen, die im Nordosten Indiens an der Grenze zu Myanmar leben. Wer könnte uns dort hinbringen, das war die große Frage? Nach intensiven Recherchen stellte sich heraus, dass im Grunde genommen  nur zwei Personen in Frage kamen. Der eine ist Niederländer und war einer der Ersten, der sich auf den Weg machte, als die Gegend bereist werden durfte (Name nenne ich bewusst nicht). Ich suchte den Kontakt und bekam auch eine Antwort, die aber anders ausfiel, als ich sie erwartet hatte. Zusammengefasst sagte er, dass ich ihn in Ruhe lassen und mir jemand anderes suchen sollte. Nun gut. Als wir in Nagaland waren stellte sich heraus, dass der Niederländer dort Persona non grata war, damit wäre er nicht in Frage gekommen. Also blieb noch die zweite Person, Jan Seiffert, übrig. Er war damals Direktor des Himalaya Archivs der Universität zu Wien. Einer der erfahrensten Ethnologen Europas für dieses Gebiet. Allerdings konnte er in diesem Zeitraum nicht. Er war zwar die überwiegende Zeit des Jahres in Nagaland zu Feldstudien, aber zu dem von uns geplanten Zeitpunkt war er als Guide für eine Reise in die Gegend gebucht, denn mit irgendetwas musste er ja auch seinen Lebensunterhalt verdienen. Also hängten wir uns an diese Reisegruppe. Der Weg führte uns über Kalkutta in den Nordosten, nach Assam, Arunachal Pradesh, Nagaland und Manipur. Im Grunde genommen immer am Brahmaputra entlang, mal auf der linken, mal auf der rechten Seite. Wichtig zu wissen sind drei Dinge. 1. Die Menschen, die dort leben fühlen sich nicht als Inder, sie essen Rindfleisch, sind keine Hindus, sondern gehören der Relegion des Donyo Polo an. Schon mal gehört? Donyi Polo ist eine einheimische Religion in Arunachal Pradesh, die auf animistischen und schamanistischen Glaubensvorstellungen der Tani und anderer tibeto-birmanischer Völker basiert. Die Religion wird von Schamanenpriestern, den sogenannten Nyibu, praktiziert, die übernatürliche Kräfte besitzen sollen und mit den Geistern kommunizieren können- Bei den Ritualen, die sie durchführen, werden Tieropfer gebracht.  Außerden fungieren sie als traditionelle Heiler. Diejenigen, die nicht Anhänger dieser animistischen Religion sind, sind Christen. Auch hier im äußersten Nordosten Indiens waren Missionare aktiv und haben einen Teil der ursprünglichen Kultur zerstört, aber das ist ein anderes Thema. 2. Ist der Grenzverlauf zwischen Arunachel Pradesh und China nicht geklärt, so kommt es immer wieder zu Scharmützeln zwischen den Armeen beider Länder. Aus diesem Grund ist diese Gegend schwer zu bereisen, denn man benötigt jede Menge an Sondergenehmigungen. 3. Weil sich die Bevölkerung nicht als Teil von Indien fühlt, begehren Untergrundorganisationen immer mal wieder auf. Der Beziehungsstatus der Naga-Völker und Indien beruht auf einem 16 Punkte umfassenden Waffenstillstandsabkommen von 1960. In dessen Folge wurde der Bundesstaat Nagaland gegründet, um die Rechte der Nagas zu schützen. Das fand seinen Ausdruck in Artikel 371A der indischen Verfassung. Also alles in allem eine recht schwierige und interessante Region, in der die Nagas noch nicht vor allzu langer Zeit die Kopfjagd betrieben. Heute jagen sie nur noch die Köpfe von Primaten, sagen sie. Aber es leben noch einige derjenigen, die die Kopfjagd an Menschen betrieben. Das bekam auch Meike, als Frau mit langen blonden Haaren, zu spüren, von einem Häuptling der Nagas. Die Geschichte muss sie aber selbst erzählen.

Im abgeschiedenen Tal des Apatani-Volkes im Nordosten Indiens glänzen die Gesichter älterer Frauen noch heute mit einem bemerkenswerten Schmuck: massive Holzpflöcken, die sich durch ihre Nasenflügel bohren. Über Generationen hinweg wurden sie getragen als sichtbares Zeichen von Zugehörigkeit, Stolz – und vielleicht auch als stiller Schutz. In früheren Zeiten war das Ziro-Tal, in dem die Apatani leben, umgeben von benachbarten Stämmen auf der Suche nach jungen Bräuten. Die Pflöcke, so wird erzählt, sollten die Frauen weniger attraktiv erscheinen lassen, damit Entführung oder Handel vermieden wurden. Diese Argumentation hörten wir auch bei den Frauen mit Gesichtstätowierungen in Myanmar. Gleichzeitig fungierten sie als Markierung. Wer sie trug, war Apatani, Teil einer Gemeinschaft mit höchster Achtsamkeit für ihre Felder, Feucht-Terrassen und seltenen Wasservögel. Die Gesichtstätowierungen, die viele Frauen zusätzlich trugen, verstärkten dieses Erbe. Linien über Wangen und Kinn erzählten von Wandel, Alter und Würde. Heute ist diese Tradition fast ganz verschwunden. Nur wenige ältere Apatani-Frauen tragen noch die Pflöcke – stille Zeuginnen einer Kultur, die sich wandelt im Angesicht von Internet und Mobilfunk und eine Erinnerung daran, wie eng Schönheit, Symbol und Überleben in dieser Berglandschaft verwoben waren. Wir hatten das Glück und konnten noch einige von ihnen fotografieren.

Die Apatani-Männer trugen einst eine unverwechselbare Krone, den Piiding, einen kunstvoll gedrehten Haarknoten hoch auf der Stirn. Durch diesen Knoten wurde ein schlanker Metall- oder Bambusstift geschoben. Der Piiding war mehr als nur eine Frisur. Er galt als Zeichen der Reife, der Würde und der Zugehörigkeit. Heute ist die markante Haartracht selten geworden. Junge Männer schneiden ihr Haar kurz oder tragen es modern gestylt, und der Piiding erscheint nur noch bei Festen oder in Erinnerungen. Uns gelang es jedoch noch einen alten Mann mit Piiding zu fotografieren.

Bei den Apatani gab es in der Vergangenheit eine ungewöhnliche & spektakuläre akrobatische Tradition. Mitten auf dem Dorfplatz werden bis zu 20 m hohe, glatt entrindete Pfähle errichtet. An ihnen hängen dicke, flexible Seile aus Bambus oder Rattan. Junge Männer packen die Seile, springen hinauf, laufen oder rollen daran entlang, als würden sie der Schwerkraft spotten. Einer lässt sich fallen, fängt sich wieder, vollführt Überschläge und Drehungen, während das Publikum den Atem anhält. Zwei, manchmal drei Helfer halten das Seil in Bewegung. Einst war diese Kunst Ausdruck von Gemeinschaft und Initiation. Wer sichtraute auf dem Seil zu laufen, bewies seinen Mut. Heute wird diese Tradition nur noch äußerst selten gezeigt, doch wenn sie auflebt, erinnern die Tänzer an eine Zeit, in der das Gleichgewicht zwischen Körper und Welt wichtiger war als jede Geschichte, die man darüber erzählen könnte. Wir waren zur falschen Zeit im Tal, denn das Myoto Fest, wo man eine geringe Chance hat, so etwas zu sehen, findet nur einmal im Jahr statt, immer um den Frühlingsanfang. Der österreichische Ethnologe und Filmer Fuerer-Haimendorf führte über 40 Jahre lang Studien im Ziro Tal durch und dokumentierte das Leben der Apatani mit der Filmkamera. Ein Film von ihm von 1960 aus dem SOSA-Archiv (School of Oriental and African Studies, University of London) zeigt u.a. diese akrobatischen Übungen.

Neben den Apatanis und Nagas standen auch die Adi Minyong auf unserer Bucket List. Sie leben dicht an der Grenzlinie zu China, dessen wirklicher Verlauf immer nocht nicht geklärt ist. Um so mehr hatte es uns gefreut, dass wir die Genehmigung bekamen sie zu besuchen. Ihre Dörfer liegen meist auf Bergrücken nahe des Siang-Flusses. Hier prägen terrassierte Felder, Bambushäuser und Gemeinschaftsarbeit den Alltag.Traditionell organisieren sich die Minyong in großen Clans. Wichtige Entscheidungen werden in Dorfversammlungen getroffen. Feste wie das Solung-Fest bringen Musik, Trommeln und rituelle Opfer zusammen, dabei steht weniger Spektakel als gemeinschaftliches Handeln im Vordergrund. Heute pendeln viele junge Minyong zwischen Studium oder Arbeit in den Städten und dem Leben im Dorf. Moderne Einflüsse verändern Sprache, Kleidung und Berufsbilder, doch Landwirtschaft, Clanstrukturen und gemeinschaftliche Feste bleiben zentrale Bezugspunkte der Minyong-Identität. Hier ein kurzer Clip, wie uns die Adi Minyong einen ihrer Kriegstänze vorführten.

Jedes Jahr, im frühen Dezember, erwachen sieben Stämme zum Hornbill Festival. Vier vibrierende Tage lang feiern die Naga-Gemeinschaften ihre Kultur, Trommeln hallen, Tänze wirbeln und Flaggen flattern auf dem zentralen Festplatz. Im Zentrum stehen rituelle Tänze, traditionelle Stammesbekleidung und der Klang von Blasinstrumenten aus Bambus, die alljährlich die Hügel von Kohima erfüllen. Gleichzeitig bietet das Festival einen Markt für lokales Kunsthandwerk, wo geschnitzte Hornbills, Handgewebtes und traditionelle Waffen ausgestellt werden, ein Schaufenster der Vielgestaltigkeit der Naga-Kulturen. Für Besucher ist das Hornbill-Festival nicht nur eine kulturelle Show, sondern eine Einladung zu spüren, wie Stammesgemeinschaft, Natur und Geschichte sich verbinden. Wenn am Ende der Klang der Baumtrommeln verklingt, sitzt man zwischen den Hütten der einzelnen Stämme und spürt, wie lebendig Tradition sein kann, in einem Land, das nicht endet, wo die Berge aufhören. Das nachfolgende Video gibt einen ganz kleinen Einblick in die Aktivitäten.